Cultural Flat Rate statt Digital Restriction Management

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Die Geschichte, das Recht und die Ökonomie stoffloser Güter wurde in einem neuen Sammelband "Wissen und Eigentum" aufbereitet. Eine Rezension mit Fragen von Roland Alton-Scheidl.
Auszug aus dem Buch und diese Rezension anhören (mpeg video 7 MB).

"Kann ein Telekommunikationsunternehmen eine Farbe besitzen oder ein Hersteller von Tonträgern einen Klang? Sind menschliche Gensequenzen in entschlüsselter Form patentfähig?" Schon in der Einführung des Buches wird klar, dass Fragen der Nutzung, des Besitzes und der Verwertung von Wissen eine lange, kontroversenreiche Geschichte haben.

Jeanette Hofmann hat mit einem engagiertem Autorenteam sowohl die historischen Wurzeln als auch den aktuellen Diskurs zu Fragen des Eigentums von Wissen erfasst [1]. Eigentumsansprüche an Wissen ist ein Konzept der europäischen Neuzeit, welches mit der Figur des Autors entstand und Druckerprivilegien ablöste: Urheber erhielten ein Einkommen, Verleger Investitionsschutz und der Staat musste seine Zensurfunktion abgeben. Das moderne Urheberrecht gewährt einer Autorin geistiger Werke exklusive Verfügungsrechte, die nur durch eng definierte Schranken begrenzt sind.

Schon seit den 70er Jahren liegt der Anteil der Urheberrechtsindustrien über 3% des Bruttoinlandsprodukts und ist damit ähnlich groß wie die Landwirtschaft oder die chemische Industrie. Die in urbanen Regionen boomende Kreativwirtschaft weist weist hohe Wachstumsraten aus und sorgt weiterhin für zahlreiche Unternehmensgründungen. In Österreich zählen mittlerweile mehr als 10% der Unternehmen zur Kreativwirtschaft, die 5% der Bruttowertschöpfung erwirtschaften [2].

Mit der Publizierung der Inhalte im Internet kommen nun die Rollenverteilung in der Medienindustrie und ihre Geschäftmodelle ins Wanken: Verleger gruppieren sich neu um Netlabels und Internetshops. Wo die Nutzer selbst ihre Inhalte publizieren, helfen semantisches Web und Nutzerbewertungen, den Geschmack mit der passenden Qualität in Übereinstimmung zu bringen.

Aufgrund der geringen Transferkosten ist ein Investitionsschutz nicht mehr notwendig. "Ideen und andere immaterielle Güter können nicht aufgebraucht werden" resümiert Felix Stalder in seinem Beitrag zu neuen Formen der Öffentlichkeit und kulturellen Innovation. Die Vermehrung entsteht mit dem Gebrauch, ähnlich wie in der Tradition der Wissenschaft, wo ja bestehende Werke immer schon in neue integriert worden sind. Dieser Trend der Re-Mix Kultur ist unaufhaltsam und findet etwa in den 150 Millionen Werken, die mit Creative Commons weltweit lizensiert sind, seinen Niederschlag.

Nichtsdestotrotz beharren die Majors auf der herkömmlichen Rollenverteilung und versuchen, diese durch rechtliche und technische Bollwerke abzusichern. Volker Grassmuck hinterfragt in seinem Beitrag zur "Wissenskontrolle durch DRM: von Überfluss zu Mangel" DRM generell und zwar aufgrund einer paradoxen Situation der Verleger, welche eigentlich Information zugänglich machen sollten, und dies nun offensichtlich verhindern.

Die Content - Industrie versucht mit erheblichem Aufwand, mittels Digital Rights Management Systemen den Zugang zu kontrollieren. Dass dies jeder auf seine Art macht, dient nicht der Zufriedenheit der Kunden, die nun zu jedem DRM System erst das passende Abspielgerät benötigen - Kritiker nennen die Technologie daher auch gerne Digital Restriction Management. Weiters laufen die Anbieter freier Inhalte Gefahr, dass diese gar nicht mehr konsumiert werden können. Andere Kritikpunkte sind der unzureichende Datenschutz der Benutzerprofile, dass das Recht auf anonymen Medienkonsum ausgehölt oder das Recht auf eine Privatkopie abgeschafft werden. "Die Kosten für die großindustrielle DRM Infrastruktur tragen letztlich die Kunden", und diese sind von den technisch implementierten Restriktionen nicht begeistert, wie nun auch schon Marktzahlen belegen.

Anstatt auf DRM Modelle zu setzen, könnte eine Breitbandabgabe wesentlich gerechter eine Aufwandsentschädigung verteilen. Die Cultural Flat Rate sollte in verschiedene Töpfe wandern: Verteilung an die UrheberInnen Verwertungsgesellschaften wäre zu ergänzen mit einem Innovationsfonds für die Kreativwirtschaft, aus welchem Netzwerkprojekte, Mentoringprogramme und Produktionen finnanziert werden. Die Relevanz der Verwertungsgesellschaften wie die GEMA oder AKM würde sonst schwinden, wenn für die Bitströme mit Musik und Bildern im Internet keine adäquaten Abrechnungsinstrumente gefunden werden. Zuvor hätten die Verwertungsgesellschaft jedoch noch eine Hausaufgabe zu erledigen, nämlich ihre mangelnde Transparenz zu beheben und für eine bessere Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen.

Einfach zugänglicher Content bedeutet für die Provider mehr Traffic, wie YouTube und ähnliche Dienste, die offene Lizenzen verwenden, vorzeigen. Mit einer Cultural Flat Rate könnten nicht nur Kreativschaffende, sondern auch Infrastruktur, Forschung und Projekte gefördert werden. Und die vielfach graue rechtliche Situation würde sich in weiten Bereichen plötzlich klären. Ganz im Sinne der ökonomischen Eigenschaft öffentlicher Güter benötigen wir also adäquate Kompensationsmodelle, denn im Netz werden Werke ja nicht verbraucht und weniger, wenn man sie konsumiert!

Das aktuelle Downloadverhalten in Musik-Stores lässt jedoch auch andere Schlüsse zu: Die Nutzer sind sehr wohl bereit, für digitalen Content auch zu bezahlen, wenn dieser einfach handhabbar und zum Beispiel für den privaten Gebrauch beliebig nutzbar ist. Somit relativiert sich die Forderung der Content Flat Rate dazu, eine Vielfalt der Kompensationsmodelle anzubieten. Hier besteht also weiterer Diskussionsbedarf, den auch die creativwirtschaft.at oder der Fachverband der Ausiovisions- und Filmindustrie sieht.

Zur Kompensation von Inhalten, die etwa als Creative Commons lizensiert sind, würde eine Abgabe positive Effekte auf jene Kreativschaffende haben, die einen offenen Verteilungsweg vorziehen. Andere Bereiche wie das Premium-Segment würden wohl weiterhin auf pay-per-use Mechanismen zurückgreifen wollen.

User Generated Content stellt mich jedoch vor ein Rätsel, das im Buch "Wissen und Eigentum" nicht beantwortet wird: Sollten nicht vielleicht auch die Konsumenten was für's Anschauen erhalten? Womit wir dann mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit bei einem Tauschkreis ohne finanzielle Kompensation ankommen würden: Die Selbstdarsteller erhalten ihr Lob und die Betrachter ihre Unterhaltung.

[1] Jeanette Hofmann (Hrsg.): Wissen und Eigentum. Geschichte, Recht und Ökonomie stoffloser Güter. Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 552, Bonn 2006.

[2] Zweiter Österreichischer Kreativwirtschaftsbericht, Wien 2006, S. 43, Download unter http://www.creativwirtschaft.at/

Dieser Text ist lizensiert als CC-by-sa http://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/at/

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Last modified 2007-04-16 02:22 PM